Wie man das „Elfenbeinturm“-Syndrom im Geschäftsleben vermeidet

RCH-Geschäftsführer Stefano de Pra erläutert, wie der technologische Wandel den EPOS-Markt beeinflusst.


Veränderung in Zeiten des Wandels leben

Im ersten von zwei Interviews mit RCH-Geschäftsführer Stefano de Pra untersuchen wir, wie steuerrechtliche und technologische Veränderungen in ganz Europa das Funktionieren der Kassen- und EPOS-Märkte verändern und wie ein Unternehmen eine effektive Strategie nutzen kann, um nicht nur auf dem Laufenden zu bleiben, sondern diesen Veränderungen voraus zu sein und sie zu einem strategischen Vorteil zu machen.

Welche Strategie verfolgt RCH in diesem Jahr?

Dieses Jahr war äußerst interessant, denn wir mussten unsere Strategie tatsächlich ziemlich stark an die äußeren Umstände anpassen - insbesondere daran, wie das Steuerberichtswesen jetzt von allen Unternehmen in Italien durchgeführt werden muss – ob groß oder klein.

Änderungen im Steuerrecht verändern die Funktionsweise der elektronischen Registrierkassen grundlegend - mit Bezug auf die von ihnen gespeicherten Daten, wie sicher und unantastbar diese Daten sind, wie und wo sie gespeichert werden und wie Berichte zur behördlichen Überprüfung erstellt werden sollen. Mit der Verabschiedung des Haushaltsgesetzes 2018 ist die elektronische Rechnungsstellung für B2B- und B2C-Anbieter von Waren verpflichtend geworden. Diese müssen mit einer digitalen Signatur unterzeichnet, im XML-Format zur Verfügung gestellt und mittels eines Systems für den elektronischen Datenaustausch, dem sogenannten Sistema di Interscambio (SDI), an die Behörden geschickt werden. Das sind natürlich nur die groben Umrisse der Anforderungen - die technischen und rechtlichen Vorgaben sind detailliert und komplex. Sicherzustellen, dass jede von uns angebotene Lösung den gesetzlichen Verpflichtungen unserer Kunden entspricht, hat daher oberste Priorität.

Aber Veränderungen können chaotisch sein und mehr Zeit in Anspruch nehmen als erwartet. Für uns ist das eine echte Herausforderung - wir sind es gewohnt, Design progressiv und vorausschauend zu betrachten, und nicht rückwärtsgerichtet. Wir planen gerne im Voraus und sehen die Bedürfnisse unserer Kunden voraus, bevor sie entstehen. Wir haben es jedoch geschafft, dieses komplexe Verfahren zu bewältigen, indem wir unsere interne Strategie noch flexibler und anpassungsfähiger gestaltet haben - bereit, auf alle durch das neue Steuerrecht geforderten Änderungen zu reagieren.

Darüber hinaus vollziehen sich diese Veränderungen nicht nur in unserem Heimatmarkt Italien, sondern in ganz Europa - in Ländern wie Deutschland und Österreich, um nur zwei weitere Märkte zu nennen, in denen wir tätig sind. Wir passen uns also nicht nur dem italienischen Recht an, sondern auch den Gesetzen verschiedener Länder. Und obwohl die zugrundeliegende Philosophie oft ähnlich ist, können die für die Implementierung erforderlichen technischen Details sehr unterschiedlich ausfallen.

Wir waren schon immer gewissenhaft und akribisch bei der Entwicklung unserer Produkte, und so war es für uns absolut entscheidend, dass wir nicht blind durch geografische Märkte stürmen, sondern sicherstellen, dass wir die beste, effektivste und vollständig konforme Lösung für jeden Markt haben, in dem wir unsere Produkte anbieten.

Sie sprachen davon, innovativ und zukunftsorientiert zu sein, aber jetzt zunehmend agil und anpassungsfähig. Wie erreichen Sie es, dass diese Werte bei RCH vollständig angenommen werden?

Ich denke, dass die Fähigkeit, bestimmte Kompetenzen innerhalb des Unternehmens zu entwickeln - wie z. B. Innovation oder Agilität – das Ergebnis eines Prozesses sind, bei dem es darum geht, die richtigen Gewohnheiten und die richtige Kultur zu vermitteln.

Innerhalb unseres Unternehmens pflegen wir eine Kultur, in der das, was man weiß, nicht als selbstverständlich angesehen wird. Und das ist ganz schön kniffelig - auf der einen Seite eine beachtliche Wissensbasis aufzubauen, aber dann jeden Morgen aufzuwachen und zu vergessen, was man weiß, damit man die Dinge mit ganz neuen Augen angehen kann. Es verblüfft mich daher immer wieder, wie mein Team es jedes Mal schafft, eine Situation jeden Tag mit neuen Augen zu sehen.

Dies gilt besonders für die von mir eingangs erwähnten steuerrechtlichen Entwicklungen. Es könnte so einfach sein: Man konzentriert sich auf die Entwicklung von Produkten, die steuerrechtskonform sind, ohne an etwas anderes zu denken. Aber das würde allem zuwiderlaufen, wofür RCH bisher stand. Unsere Produkte haben immer das Ziel verfolgt, die Fähigkeiten der Technologie als Ganzes voranzutreiben: sie ästhetischer, benutzerfreundlicher, funktionaler zu machen und in die Lage zu versetzen, Unternehmen strategisch zu unterstützen. Es bestand die Gefahr, dass wir uns bei unseren neuesten Produktentwicklungen in der technischen Rechtskonformität verzetteln. Da wir aber ein Team voller „neuer Augen“ haben, das sich täglich der Aufgabe stellt, stellen wir sicher, dass wir uns in jeder Phase der Produktentwicklung an der Spitze bewegen. Das wichtigste ist, daran zu arbeiten, die Bedürfnisse der Kunden vollständig zu erfüllen, nicht nur die Anforderungen des Steuerrechts.

Und wie beeinflusst diese breitere Geschäftsstrategie die Produktentwicklung?

Ich persönlich war immer der Meinung, dass Innovation nicht dadurch entsteht, dass man sich „über den Kunden stellt“ - etwas Verrücktes erfindet und ihm sagt, was er braucht. Das ist Innovation um der Innovation willen, und es kann zu vielen leichtfertigen und unnötigen Entwicklungen führen. Aber es geht auch nicht darum, sich mit dem Kunden zusammenzusetzen und ihn zu fragen, was er will. Das führt nur zu einem langsamen, reaktiven Ansatz, der hinter der Zeit zurückbleibt, bevor man das Produkt überhaupt auf den Markt bringt.

Manchmal wissen Kunden nicht unbedingt, was sie brauchen. Aber wenn man vorsichtig, wachsam und analytisch ist, dann kann man sehen, was sie brauchen - man kann es vorhersagen - und das ist die Art von Innovation, die ich für wichtig halte, nicht die Innovation à la „Science-Fiction-Fantasy-Idee“. Meine Lieblingsbeschäftigung ist es, einen Kaffee zu trinken und in einem Restaurant zu sitzen. Es wirkt so, als ob ich Zeitung läse, aber in Wirklichkeit schaue ich über den Tellerrand hinaus und beobachte, wie die Leute die Systeme um sie herum benutzen. Was funktioniert? Was verursacht ihnen Schwierigkeiten? Wo liegen die Engpässe? Was ist die endgültige Auswirkung des Systems auf den Server und den Service? Ich ermutige alle RCH-Mitarbeiter, so zu denken - nicht nur Designer und Ingenieure.

Eine weitere Sache, die ich gerne erwähnen möchte, ist, dass es wichtig ist, sich „dem Glück in den Weg zu stellen“. Wir alle möchten sagen können, dass unsere Erfolge selbst gemacht sind, aber man sollte nie die Rolle unterschätzen, die das Glück dabei spielt. Das Wichtigste ist, bereit zu sein und das Glück einzufangen, wenn es kommt. Hat man Systeme, die einem dabei helfen, das Glück zu erkennen und sich schnell darauf zuzubewegen, entwickelt man eine Denkweise, die einen das Glück als akzeptables Risiko betrachten lässt, anstatt es als etwas zu kategorisieren, das man fürchten muss und das jenseits der eigenen Kontrolle liegt. Jede Minute kommen Züge vorbei. Viele dieser Züge fahren in kleine Dörfer, einige von ihnen sind auf der Überholspur zu einer geschäftigen Stadt. Der Trick besteht darin, herauszufinden, in welchen Zug man einsteigen will.

Und zu guter Letzt ist die Kommunikation in meinen Augen das Wichtigste. Öffnende Kommunikationswege, horizontal und vertikal, intern und extern. Jeder muss bereit, willens und in der Lage sein, darüber zu sprechen, was seiner Meinung nach funktioniert und was verbessert werden muss. Wenn ich will, dass mein Unternehmen die richtigen Dinge tut – um Neuerungen einzuführen, Agilität und Anpassungsfähigkeit zu zeigen - muss ich sagen, wann Dinge richtig gemacht werden, und Führungsstärke zeigen, wenn es einen Optimierungsbedarf gibt.

Mehr noch - die Kommunikation dessen, was wir gut machen, ist von entscheidender Bedeutung, denn ich möchte, dass alle Akteure an unseren Erfolgen teilhaben, engagiert sind und erkennen, dass diese Erfolge ausschließlich ihren Bemühungen und Fähigkeiten zu verdanken sind.

Ist das der Grund, warum für das das 50-jährige Firmenjubiläum so viele Events und Feierlichkeiten auf dem Programm standen?

Auf jeden Fall. Die größten Ereignisse in diesem Jahr waren unsere Reise nach Madagaskar für Geschäftspartner und ein üppiges Jubiläumsfestessen in der Casa Gobbato - das war wirklich ein unvergessliches Erlebnis. Aber bei diesen Dingen geht es nicht nur darum, „Danke“ zu sagen oder sie als Anreiz für mehr Leistung einzusetzen. Sie sind ein weiterer Mechanismus für uns - als Management -, um näher an die Menschen heranzukommen, die unser Unternehmen von seiner Basis aus führen. Diese Ereignisse sind der Schlüssel zur Vermeidung des Elfenbeinturm-Syndroms, über das ich bereits gesprochen habe - wo Manager denken, dass sie ihr Geschäft am besten kennen, denken, dass sie wissen, was der Kunde braucht, und Diktate erlassen, ohne wirklich ein Gefühl dafür zu haben, was in der realen Welt vor sich geht.

Diese Art von Feiern - zusammen mit der Teilnahme an Konferenzen und Messen - sind für uns von entscheidender Bedeutung, um mit unserer sprichwörtlichen Lebensader in Verbindung zu bleiben. Das sind die Situationen, in denen wir herausfinden können, wie die Menschen wirklich über unsere Produkte denken. Im Gespräch mit Geschäftspartnern auf einer Liege unter madagassischer Sonne können wir hören, welche Fragen potenzielle Kunden stellen, welche Ängste sie haben, welche Bedürfnisse sie glauben zu haben.

Schlussendlich halten wir die Ohren steif, die Augen frisch und den Geist offen - und genau deshalb sind wir in so vielen POS-Kategorien in Europa führend.

Nächsten Monat spricht Stefano de Pra darüber, was 2020 bringt und was es für RCH bedeutet, die Position des „Marktführers“ im Heimatmarkt Italien und in Europa einzunehmen. Dabei geht er auch näher darauf ein, wie RCH sowohl die Denkweise als auch die herkömmlichen Praktiken im Bereich der POS-Nutzung verändert.